Erworbene sichere Bindung: Kann sich Ihr Bindungsstil verändern?

Couple walking forward together on a sunlit path

Viele Menschen entdecken ihren Bindungsstil und befürchten, dass sie damit dauerhaft abgestempelt wurden.

Wenn du dich mit einem ängstlichen, vermeidenden oder desorganisierten (ängstlich-vermeidenden) Bindungsstil identifizierst, fragst du dich vielleicht, ob gesunde und sichere Beziehungen überhaupt möglich sind.

Glücklicherweise liefert die psychologische Forschung ermutigende Erkenntnisse.

Viele Menschen entwickeln das, was Psychologinnen und Psychologen als erworbene sichere Bindung (earned secure attachment) bezeichnen. Damit sind Menschen gemeint, die in ihrer frühen Kindheit möglicherweise keine durchgehend sicheren Beziehungen erlebt haben, im Laufe ihres Lebens jedoch durch spätere Erfahrungen eine sichere Art entwickelt haben, Beziehungen zu gestalten.

Wichtiger Hinweis

Eine erworbene sichere Bindung zeigt, dass deine Vergangenheit dich beeinflusst, deine Zukunft jedoch nicht bestimmen muss.


Was bedeutet erworbene sichere Bindung?

Menschen mit einer sicheren Bindung fällt es im Allgemeinen leichter, anderen zu vertrauen, offen zu kommunizieren und enge Beziehungen aufrechtzuerhalten, ohne dabei ihre Unabhängigkeit aufgeben zu müssen.

Manche entwickeln dieses Bindungsmuster bereits in der Kindheit, weil sie verlässliche und feinfühlige Bezugspersonen hatten.

Andere gelangen erst später dorthin.

Der Begriff erworbene sichere Bindung beschreibt Erwachsene, die viele Merkmale einer sicheren Bindung entwickelt haben, obwohl sie in ihrer Vergangenheit schwierige oder inkonsistente Beziehungen erlebt haben.

Mit anderen Worten: Emotionale Sicherheit kann erlernt werden.


Wie entwickelt jemand eine sichere Bindung?

Es gibt selten einen einzelnen Wendepunkt.

Meist entsteht Sicherheit durch viele positive Erfahrungen über einen längeren Zeitraum.

Dazu gehören zum Beispiel:

  • eine unterstützende Partnerschaft
  • enge und verlässliche Freundschaften
  • Psychotherapie oder Beratung
  • das Erlernen gesünderer Kommunikationsmuster
  • das Üben von Emotionsregulation
  • das Setzen gesunder Grenzen
  • die Entwicklung eines besseren Selbstverständnisses

Jede positive Erfahrung liefert den Beweis, dass Beziehungen sicher, unterstützend und vertrauenswürdig sein können.

Mit der Zeit können diese Erfahrungen die Erwartungen daran verändern, wie andere Menschen reagieren.

Bild: Ein Paar genießt ein entspanntes Gespräch bei einem Spaziergang durch einen ruhigen Park


Bedeutet das, dass sich dein Bindungsstil vollständig verändert?

Manchmal.

Für viele Menschen verläuft die Veränderung eher schrittweise als plötzlich.

In Zeiten von Stress, Konflikten oder Unsicherheit kannst du weiterhin ängstliche oder vermeidende Reaktionen bemerken.

Der Unterschied besteht darin, dass diese Reaktionen seltener auftreten, weniger intensiv sind und sich leichter regulieren lassen.

Anstatt automatisch Zurückweisung zu erwarten oder Nähe zu vermeiden, gelingt es Menschen mit sicherer Bindung häufiger, innezuhalten, offen zu kommunizieren und auf gesunde Weise nach Bestätigung zu suchen.

Fortschritt bedeutet selten Perfektion.

Es geht vielmehr darum, flexibler zu werden.


Können Beziehungen dir helfen, sicherer gebunden zu werden?

Ja.

Gesunde Beziehungen können eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer erworbenen sicheren Bindung spielen.

Wiederkehrende Erfahrungen wie Zuhören, Respekt, Unterstützung und Akzeptanz helfen dem Gehirn zu lernen, dass Nähe nicht zwangsläufig zu Enttäuschung oder Zurückweisung führt.

Das bedeutet jedoch nicht, dass eine andere Person deinen Bindungsstil „reparieren“ kann.

Vielmehr bieten gesunde Beziehungen die Möglichkeit, neue Denk-, Kommunikations- und Verhaltensweisen einzuüben.

Beide Partner tragen dazu bei, emotionale Sicherheit zu schaffen.


Was ist, wenn du Single bist?

Du musst nicht in einer romantischen Beziehung sein, um mehr Bindungssicherheit zu entwickeln.

Viele Menschen entwickeln eine erworbene sichere Bindung durch:

  • vertrauensvolle Freundschaften
  • unterstützende Familienmitglieder
  • Mentorinnen oder Mentoren
  • Psychotherapie
  • Selbsthilfegruppen
  • persönliche Reflexion
  • Selbstmitgefühl

Mit Geduld und Verständnis auf dich selbst zu reagieren, kann genauso wichtig sein wie zu lernen, anderen Menschen zu vertrauen.


Bild: Zwei enge Freunde trinken gemeinsam Kaffee im Freien und unterhalten sich


Anzeichen dafür, dass du eine erworbene sichere Bindung entwickelst

Obwohl jeder Mensch seinen eigenen Weg geht, gehören zu den häufigsten Anzeichen:

  • weniger Angst vor Verletzlichkeit
  • die eigenen Bedürfnisse offener auszusprechen
  • weniger impulsive Reaktionen in Konflikten
  • sich nach Meinungsverschiedenheiten schneller zu erholen
  • Menschen schrittweise Vertrauen zu schenken, statt automatisch das Schlimmste anzunehmen
  • sich sowohl mit Nähe als auch mit Unabhängigkeit wohlzufühlen
  • gesündere Beziehungen einzugehen

Diese Veränderungen erfolgen oft so allmählich, dass sie erst im Rückblick auffallen.


Kann jeder eine erworbene sichere Bindung entwickeln?

Die Forschung legt nahe, dass viele Menschen im Laufe der Zeit sicherer werden können.

Wie leicht dieser Prozess verläuft, hängt unter anderem von Kindheitserfahrungen, Traumata, aktuellen Beziehungen und dem Zugang zu Unterstützung ab.

Für manche Menschen ist die Begleitung durch eine qualifizierte Psychotherapeutin oder einen qualifizierten Psychotherapeuten besonders hilfreich.

Die wichtigste Botschaft lautet: Bindungsstile sind Muster und keine lebenslangen Urteile.

Persönliche Entwicklung ist auch im Erwachsenenalter möglich.


Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Eine erworbene sichere Bindung beschreibt die Entwicklung sicherer Beziehungsmuster im Erwachsenenalter.
  • Kindheitserfahrungen sind wichtig, bestimmen deine Zukunft jedoch nicht endgültig.
  • Gesunde Beziehungen, Therapie und Selbstreflexion können zu mehr Bindungssicherheit beitragen.
  • Veränderungen erfolgen meist schrittweise und nicht von heute auf morgen.
  • Sicherer zu werden bedeutet nicht, perfekt zu sein, sondern emotional flexibler zu werden.

Mehr erfahren

Das Verständnis deines Bindungsstils ist oft der erste Schritt zu gesünderen Beziehungen.

Wenn du mehr über deine eigenen Beziehungsmuster erfahren möchtest, könnten diese Seiten hilfreich sein:


Literatur

  • Bowlby, J. (1969). Attachment and Loss.
  • Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E., & Wall, S. (1978). Patterns of Attachment.
  • Hazan, C., & Shaver, P. (1987). Romantic Love Conceptualized as an Attachment Process.
  • Cassidy, J., & Shaver, P. R. (Hrsg.). (2018). Handbook of Attachment: Theory, Research, and Clinical Applications (3. Aufl.).
  • Fraley, R. C. Adult Attachment Theory and Research.

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